(Online-Artikel.de) - Gibt es Auswege aus der Stressfalle?
Der Wirtschaftspsychologe Prof. Rainer Wieland, Experte für Ressourcenmanagement, erforscht wissenschaftlich, was sich auch dem gesunden Menschenverstand erschließen sollte: eine sinnvoll gestaltete Erholungszeit am Arbeitsplatz erhöht die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Wieland hat in einer Studie der Universität Wuppertal festgestellt, dass die Möglichkeit zum Rückzug in einem mit Liegen ausgestatteten Raum, in dem sich die Mitarbeiter Entspannungsmusik anhören können, zudem die Motivation erhöhe. Das gilt übrigens auch für die Führungskräfte.
Individuelle Stressoren feststellen
Man kann Stress vorbeugen und abbauen – gänzlich zu vermeiden ist er nicht. Stressfördernde Situationen am Arbeitsplatz müssen akzeptiert werden. Die Führungskraft sollte über das Phänomen offen sprechen. Häufig hilft es bereits, wenn der Bankmitarbeiter über seine Stresssituationen berichten kann. Gelingt diese offene Kommunikation, erhält die Führungskraft Informationen darüber, welche Situationen ein Mitarbeiter als stressend empfindet.
Allerdings: Die allein selig machende Stressbewältigungsmethode gibt es nicht. Ein effektives Ziel- und Zeitmanagement hilft bei der Stressbewältigung zwar ebenso wie ein Delegationssystem, das die Übernahme von Aufgaben klar regelt. Und all dies zu organisieren, liegt in der Macht der Führungskraft. Aber die konkreten Maßnahmen, die einen Mitarbeiter bei der Stressbewältigung unterstützen, sind stets abhängig von dessen Persönlichkeit. Mithin genügt es nicht, dass die Führungskraft über ein Repertoire an Stressbewältigungsmethoden verfügt: Sie muss einschätzen können, um welchen Stresstyp es sich bei einem Mitarbeiter handelt und wie er auf Stress reagiert. Erst dann kann sie individuelle Maßnahmen ergreifen.
Stresstyp analysieren
Die Stressforschung hat verschiedene Stress-Typologien entwickelt und unterscheidet etwa zwischen A- und B-Typ. Der A-Typ neigt zu hohem Leistungsstreben, Perfektionismus sowie starker Zielorientiertheit und fühlt sich wohl, wenn er viel leisten muss. Selbst höchste berufliche Anspannung empfindet er als positiven Eustress. Der B-Typ hingegen tendiert dazu, Stresssituationen zu vermeiden. Will die Führungskraft einen Mitarbeiter bei der Stressbewältigung unterstützen, muss sie wissen, zu welchem Typ er tendiert. Des Weiteren sollte sie im Gespräch analysieren, wie er eine Stresssituation bewertet. Denn ein und dieselbe Situation wird von zwei Mitarbeitern vollkommen unterschiedlich wahrgenommen: Der eine blüht bei der Riesenherausforderung auf, der andere verzagt ängstlich vor der Aufgabe.
Um herauszufinden, ob ein Mitarbeiter unter erheblichen Stress steht, ist weniger die objektive Arbeitsbelastung entscheidend, sondern seine persönliche Bewertung der Arbeitsanforderungen. Im Gespräch muss geklärt werden:
- Fühlt sich der Mitarbeiter überfordert oder unterfordert?
- Ist er der Meinung, genügend Einfluss auf seine Arbeitssituation zu haben?
- Wie beurteilt er die Unterstützung, die er von außen – Arbeitsumfeld, Kollegen, Führungskraft – erhält?
Zwischen Anspannung und Entspannung

Eine Führungskraft, die sich als Stress-Manager versteht, gerät in ein Spannungsfeld: Einerseits will sie helfen, Stress vorzubeugen und abzubauen, andererseits muss sie Ziele vorgeben und deren Einhaltung kontrollieren – was auf Seiten der Bankmitarbeiter zu Stress führt. Auswege aus der Zwickmühle bieten eine klare Zielplanung und Aufgabenverteilung, bei der sie so weit wie möglich Rücksicht auf die individuelle Leistungsfähigkeit eines Mitarbeiters nimmt.
Außerdem sollte sie für einen Wechsel zwischen Phasen der Anspannung und der Entspannung sorgen. Permanente Anspannung führt zu chronischem Stress – wer es versteht, immer wieder körperlich und mental entspannende Phasen in den Berufsalltag einzubauen, wird mit den anspannenden Situationen besser fertig. Die Führungskraft sollte jede Möglichkeit nutzen, diese Stress reduzierenden Situationen herbeizuführen und zu institutionalisieren:
· Im Mitarbeiter-Meeting rückt sie die motivationsfördernden Aspekte in den Vordergrund und thematisiert die Erfolge der Bankmitarbeiter. So setzt sie einen entspannenden Kontrapunkt zu den unvermeidlichen stressigen Situationen.
· Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation, Atemtechniken, Visualisierungsübungen, Refraiming-Techniken – Entspannungsmethoden gibt es viele, aber wann soll der Mitarbeiter sie anwenden? Die Führungskraft räumt den Mitarbeitern eine '5-Minuten-Stresspause' ein, in der diese die Techniken anwenden können. Im Stress werden Körper und Geist auf Alarm geschaltet, der Körper macht mobil und steht unter Anspannung. Diese Energie muss abgebaut werden – durch Bewegung, Gymnastikübungen oder einen Spaziergang. Natürlich müssen dann die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen und die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden.
· Überdies wird den Mitarbeitern gestattet, am Arbeitsplatz, also am Schreibtisch, zwischendurch immer wieder kurze Anti-Stressübungen durchzuführen.
· Die Menschen wissen über Stress und Stressbewältigung viel zu wenig. Warum nicht eine kleine Stressbibliothek einrichten? Gute Literatur zum Thema gibt es genug, und die Krankenkassen bieten kostenlose Broschüren mit Checklisten, Stressbewältigungstipps, ‚Pausentipps fürs Büro' sowie Ernährungshinweisen an.
FazitEin professionelles Stressmanagement gehört keineswegs in die Abteilung „Sozial-Klimbim", sondern erhöht die Leistungsfähigkeit und Motivation. Die Führungskraft sollte die Methoden der Stressbewältigung für die Mitarbeiter und sich selbst nutzen.
Michael Letter