Teilnehmer eines Esperanto-Weltjugendkongresses
Im Jahr 1887 veröffentlichte jüdische Augenarzt Dr. Ludwig Zamenhof (1859-1917) in Warschau das erste Lehrbuch der internationalen Sprache Esperanto. Zamenhof bezeichnete die Erfindung dieser Sprache als „natürliche Reaktion auf die Feindschaft zwischen den Bevölkerungsgruppen", wie er sie selbst als Kind immer wieder erlebt hatte. In seiner Heimatstadt Bialystok lebten Juden, Polen, Russen, Deutsche und Weißrussen zusammen – jeweils mit einer eigenen Sprache und in gegenseitigem Misstrauen. Mit einer gemeinsamen Zweitsprache, die neutral und leicht erlernbar sein sollte, wollte Zamenhof eine Brücke zwischen den Völkern bauen.
Heute sprechen etwa eine Million Menschen in 120 Ländern Esperanto. Sie finden die Idee gut, die Sprachbarrieren mit einer neutralen, leicht erlernbaren Zweitsprache abzubauen, oder haben einfach Spaß daran, Esperanto in internationalen Kontakten anzuwenden. Die Sprache erfreut sich dabei wachsender Beliebtheit. So meldeten sich zu einem Esperanto-Kurs an der Fachhochschule Emden im Wintersemester 2011/2012 immerhin 95 Teilnehmer an, und das populärste Internet-Portal zum Esperanto-Lernen, lernu.net, hat inzwischen über 100.000 registrierte Benutzer. Auf dem Silvestertreffen JES 2011/2012 der deutschen und polnischen Esperanto-Jugend in Danzig hielt sogar der frühere polnische Staatspräsident Lech Walesa persönlich einen Vortrag, der ins Esperanto gedolmetscht wurde.
„Esperanto hat drei Vorteile gegenüber den nationalen Sprachen", betont Dr. Ulrich Matthias, Vorsitzender der Esperanto-Gruppe Wiesbaden und zugleich Pressesprecher der Eine-Welt-Partei – der einzigen der 109 beim Bundeswahlleiter registrierten Parteien, die gemäß ihrem Grundsatzprogramm auch die Verbreitung des Esperanto fördern möchte. „Diese Vorteile sind neben der Neutralität und der leichten Erlernbarkeit auch der humanistische Hintergrund der Sprache."
In den vergangenen 125 Jahren fand Esperanto gerade unter Menschen Zulauf, die sich selbst an humanistischen Idealen orientieren. Schon 1893 nutzten Vegetarier Esperanto, um in der Zeitschrift „La Esperantisto" für die Vorteile einer fleischlosen Ernährung zu werben, die unter den Gesichtspunkten der Gesundheit, des Tierschutzes und eines zehnmal höheren Ertrags an Nahrung pro Fläche dringend zu empfehlen sei. 1908 wurde dann der Weltbund Esperanto-Sprechender Vegetarier gegründet. Es ist wenig bekannt, dass es sich dabei um die älteste heute noch existierende internationale Organisation von Vegetariern handelt.
Auch unter Christen fand Esperanto schon früh einen beachtlichen Zulauf, nicht zuletzt ermutigt durch Lew Tolstoi, der 1894 schrieb, er habe Esperanto schon nach zweistündigem Lernen lesen können. Da er schon oft gesehen habe, wie Menschen nur aufgrund des Fehlens einer gemeinsamen Sprache einander feindlich gegenüberstanden, sei das Lernen und die Verbreitung des Esperanto „zweifellos eine christliche Angelegenheit, die bei der Verwirklichung des Reichs Gottes hilft". Unter den bedeutendsten Aktiven der christlichen Esperanto-Bewegung ist auch ein bekannter Pionier des katholischen Pazifismus und der Ökumene zu nennen – Max Josef Metzger (1887-1944), den Erzbischof Robert Zollisch als „prophetischen Märtyrer" bezeichnete. Metzger war Mitbegründer der Katholischen Internationale (Internacio Katolika), die für ihre weltweiten Kontakte Esperanto verwendete, und redigierte von 1921 bis 1923 die katholische Esperanto-Zeitschrift „Katolika Mondo" (Katholische Welt). Durch sein kompromissloses Eintreten für Frieden und Völkerverständigung kam er unweigerlich den Nazi-Machthabern in die Quere, die ihn bereits 1934 und 1939 jeweils für kurze Zeit ins Gefängnis warfen. Zum Verhängnis wurde ihm schließlich ein Memorandum aus dem Jahr 1943. Er hatte die Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg vorhergesehen und für die Zeit danach ein Friedenskonzept entworfen, in dem er für die Einbindung Deutschlands in ein vereintes, demokratisches Europa eintrat. Dieses Engagement für, wie es damals hieß, „die Verwirklichung schlimmster Wunschträume" der Feinde Deutschlands führte 1944 zu seiner Hinrichtung durch das Fallbeil.
Der Traum von einer vereinten Menschheit begleitete die Esperanto-Bewegung seit ihren Anfängen, ebenso wie auch die Vision der europäischen Einigung. Schon Ludwig Zamenhof hatte sich 1915 während des ersten Weltkriegs in seinem "Aufruf an die Diplomaten" für die Schaffung der "Vereinigten Staaten von Europa" ausgesprochen. Neue Impulse bekam diese Idee durch die Aktivitäten des rumäniendeutschen Buchhändlers und Verlegers Josef Zauner (1895-1959), der ab 1920 eine Bewegung mit dem Namen „Vereinigte Staaten von Europa" (auf Esperanto: Unuighintaj Shtatoj de Europo, kurz USE) ins Leben rief, die parallel zur Paneuropa-Bewegung existierte, sich aber im Gegensatz zu dieser für Esperanto als europäische Zweitsprache einsetzte und nicht nur einen Staatenbund, sondern einen europäischen Bundesstaat anstrebte. Zauner gilt als der erste Mensch, der sich (z.B. in einer Werbepostkarte aus der Zeit um 1930) entschieden für eine gemeinsame europäische Währung einsetzte. In seiner auf Esperanto verfassten Broschüre „L' Europanismo" betonte er jedoch schon 1934, dass vor der Einführung der gemeinsamen Währung eine politische Einigung (womit er einen europäischen Bundesstaat meinte) erforderlich sei – eine These, die angesichts der Schuldenkrise gerade heute aktuell ist. Zauner bemühte sich, eine Partei zu gründen, „die vor allem gesamteuropäische Interessen vertritt", musste dann aber 1936 einsehen, dass dieser Plan in den „Zeiten unduldsamer Regimes" nicht mehr zu verwirklichen war.
Noch während des zweiten Weltkriegs fasste der Gedanke einer Weltföderation in der Esperanto-Bewegung Fuß – die Idee, dass die Staaten der Erde bei wichtigen internationalen Problemen zugunsten globaler Institutionen auf ihre absolute Souveränität verzichten sollten. Der Verband der Esperanto-sprechenden Weltföderalisten, die Universala Ligo, wurde 1942 in einer geheimen Versammlung in den von den Nazis besetzten Niederlanden gegründet. Zwölf Jahre später hatte er über 10.000 Mitglieder. Durch Einrichtung einer Weltregierung und eines Weltparlaments sollte gewährleistet werden, dass es keine Kriege mehr gibt und staatliches Geld stärker in Entwicklungshilfe statt in Rüstung fließen kann.
Der von der Universala Ligo vertretene Eine-Welt-Gedanke wurde 2009 von der Eine-Welt-Partei bzw. dessen weltweitem Dachverband „Unu Mondo" (Eine Welt) aufgegriffen. Die Partei möchte 2014 an der Europawahl teilnehmen und verbindet das humanistische Erbe der Esperanto-Bewegung mit modernen Ideen. Als ihre Wertebasis betrachtet die Partei einen interkulturellen Humanismus bzw. ein Weltethos – also Bestrebungen, aus den verschiedenen Kulturen und Religionen einen weltanschaulichen Minimalkonsens zu gewinnen, auf dessen Grundlage ein harmonisches Zusammenleben der Menschheit möglich ist. Väter dieser Idee sind Ludwig Zamenhof, der 1906 in Sankt Petersburg auf Russisch und Esperanto eine Broschüre mit dem Titel „Homaranismo" veröffentlichte, ebenso wie der Theologe Hans Küng, der seit 1990 mit seinem „Projekt Weltethos" an die Öffentlichkeit trat. „Unu Mondo" engagiert sich für transnationale Demokratie ebenso wie für die Verwirklichung eines Global Marshall Plans zum Abbau der Kluft zwischen armen und reichen Ländern. Esperanto dient dabei als Verständigungsmittel für die Diskussion und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg.
Es gibt eine Reihe von Projekten, in denen Esperanto der Entwicklungszusammenarbeit dient. Am bekanntesten ist das 1957 von brasilianischen Esperanto-Sprechern gegründete Kinderdorf „Bona Espero". Es wurde 1957 von Esperanto-Sprechern in Brasilien gegründet, um Kindern ohne familiären Rückhalt eine Chance zu geben und sie zu Gewaltlosigkeit, solidarischem Verhalten und weltbürgerlicher Gesinnung zu erziehen. Mehr als 600 Kinder – ursprünglich vor allem Waisen, heute überwiegend Sozialwaisen – haben dort in den vergangenen 55 Jahren ein Zuhause gefunden, mit persönlicher und finanzieller Unterstützung von Esperanto-Sprechern aus aller Welt.
Auch in Afrika gibt es Projekte, in denen sich Esperanto-Sprecher für die Überwindung von Hunger, Krankheiten, Analphabetentum und Perspektivlosigkeit engagieren. Ein Beispiel ist das Projekt Mazingira von Mramba Simba, dem Bürgermeister der Gemeinde Salama im Nordosten Tansanias, der sich in enger Zusammenarbeit mit Esperanto-Sprechern aus aller Welt für den Umweltschutz, den Bau von Brunnen und von Schulen, die Vergabe von Mikrokrediten und der Betreuung von Waisen (bei denen es sich überwiegend um AIDS-Waisen handelt) einsetzt. Im Jahre 2008 organisierte erstmals ein größerer Esperanto-Fachverband – der Internationale Verband der Esperanto-Lehrer – seinen Jahreskongress in Afrika, und zwar in Benin. Eine Teilnehmerin des Kongresses, die Brüsseler EU-Übersetzerin Vlad'ka Chvatalova, war beim Besuch eines Waisenhauses in dem westafrikanischen Land so schockiert von der schlechten Versorgung der Kinder, dass sie gemeinsam mit einigen Afrikanern das Projekt Nabouba gründete, durch das die Lebensbedingungen der Kinder – angefangen mit der Ernährung, der hygienischen Situation und der medizinischen Versorgung – bereits wesentlich verbessert werden konnten.
Selbst wenn es unsicher ist, ob sich das ursprüngliche Ziel Zamenhofs, Esperanto solle zweite Sprache für alle Menschen werden, noch erreicht werden kann, sind viele Esperanto-Sprecher davon überzeugt, dass die Sprache auch zukünftig der Menschheit Nutzen bringen wird. Denn das humanistische Erbe der Esperanto-Bewegung dürfte, in Verbindung mit einer gut funktionierenden Zusammenarbeit über Grenzen hinweg, auch zukünftig dabei helfen, die Welt friedlicher, gerechter und menschlicher zu gestalten.
Ulrich Matthias